Von Marktherrschaft und Planlosigkeit
Ob es zukünftig einen Supermarkt in Johannisthal Süd geben wird, bleibt unklar
Johannisthal ist nicht der Prenzlauer Berg. Während dort neue Läden wie Pilze aus dem Boden sprießen, schließen hier selbst die nötigsten Nahversorger.
Konkret: Der ehemalige Rewe-Markt im Sterndamm 140, der einzige Supermarkt in Johannisthal Süd, machte im Juli dicht. ALDI wollte einziehen, während eine zweite Filliale in der Winckelmannstraße renoviert wird – passiert ist bisher nichts.
Die fehlende Nahversorgung bewegt vor allem Ältere. Denn während es für junge Menschen kein Problem sein mag, den nächsten ALDI anzusteuern oder nach Rudow auszuweichen (ebenfalls ALDI), ist das für ältere Menschen wesentlich aufwendiger.
Um auf das Problem aufmerksam zu machen, lud die Bürgerinitiative Johannisthal zum Gespräch und das Interesse war groß. Ungefähr 100 Nachbarinnen und Nachbarn kamen am 8. November im Rathaus Johannisthal zusammen. Sie wollten Antworten von Politik und Kapital, ob, wann und wie die Versorgung sichergestellt wird. Als Vertreterin der Politik anwesend war die Bezirks-Baustadträtin Dr. Claudia Leistner, für den Handelsverband Berlin-Brandenburg Nils Busch-Petersen. Antworten erhielten die Menschen an diesem Abend leider fast keine.
Das zentrale Problem benennt Busch-Petersen gleich zu Beginn: Man stoße an die Grenzen der Planungsmöglichkeiten in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft. Eigentlich hätte hier Schluss sein können, denn mit diesem Satz wurde das ganze Elend auf den Punkt gebracht. Auch Leistner zeigte sich, ehrlich bemüht eine Lösung zu finden, aber man könne eben niemanden zwingen. Das Grundstück gehöre ALDI und wenn sie dort keinen Markt eröffneten, wäre wenig zu machen. In einer nebulösen Zukunft nach Ein- und Wiederauszug der ALDI-Filiale werde man sich bemühen die Nutzung auf Einzelhandelsgeschäfte zu begrenzen, damit der Standort für die Nahversorgung gesichert bleibe. Mehr ist nicht zu machen in der „marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft“, da kann sich eine Bezirksstadträtin auf den Kopf stellen. Eine Frau aus dem Publikum beschwert sich, dass sie sich mit ihren Sorgen von ALDI nicht ernst genommen fühle. Es gehe ALDI nicht um die Versorgung, sondern um Wirtschaftlichkeit. Eine ältere Dame hinter ihr im Publikum antwortet: „Was erwarten Sie von einem kapitalistischen Unternehmen?“ Treffer, Versenkt. Ganz am Ende resümiert ein Herr: „Wir fassen zusammen: Alle haben ihr Bestes gegeben, aber seit einem halben Jahr haben die Leute in Johannisthal Süd keine Lösung!“. Es folgt der lauteste Applaus des Abends.
Wie es anders gehen könnte? Einige im Raum äußern ihre Erinnerungen an früher. In der DDR wurde so geplant, dass der nächste Nahversorger (in der Stadt) maximal 10 Gehminuten entfernt war. Ein anderer Impuls wie man das Problem angehen könnte kommt aus New York. Dort sollen bald kommunale Supermärkte entstehen – nicht profitorientiert, sondern um die Versorgung sicherzustellen. Nun ist die DDR Geschichte und Johannisthal, wie schon angemerkt kein Prenzlauer Berg und damit erst recht kein New York. Hier bleibt die Versorgung der Bevölkerung abhängig von den Profiten, die ALDI sich davon verspricht.
Das sind sie: Grenzen der Planungsmöglichkeiten in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft.
